Eine Krähe zur Aufzucht

Ende Mai dieses Jahres wurde bei uns eine kleine Rabenkrähe abgegeben. Der Vogel war schon befiedert, hatte einen Ansatz von Schwanzfedern und war somit so zwischen Nestling und Ästling einzuordnen. Er war von der herbeigerufenen Feuerwehr auf einem Kinderspielpaltz aufgegriffen worden, wo neugierige Kinder versuchten mit dem hilflosen und vor allem bewegungsunfähigen Vogel zu spielen. 

Wir gönnten dem Neuankömmling zunächst einfach mal Ruhe, um anzukommen. So öffneten wir seine Transportbox und stellten sie in eine Voliere und warteten ab, was passieren würde. Es passierte allerdings gar nichts, der Vogel bewegte sich über viele Stunden nicht von der Stelle. Eine Untersuchung beim Tierarzt inklusive Röntgen ergab keine Hinweise auf Verletzungen oder Parasitenbefall, gleichwohl fand auch der Tierarzt sein Verhalten auffällig bzw. merkwürdig. Der Vogel schien sehr verängstigt und lehnte auch über nahezu zwei Tage Futter ab, frass nicht und sperrte nicht. An der Zwangsfütterung führte daher zunächst kein Weg vorbei. Er bekam ein möglichst vielseitiges Futter, gemischt mit Kalzium und Vitamin D. Nach ca. zwei Tagen wurde es langsam besser, er begann zu sperren und hatte offensichtlich richtig Kohldampf. Alle zwei bis drei Stunden mußte Futter her, wobei er bald zeigte, was er mochte und was nicht. Lieblingshäppchen bei ihm wie den meisten Krähen sind Blaubeeren, da verdrehen sie mitunter ihre Augen vor Glück. Unsere junge Krähe bekam zusätzlich Fleisch in verschiedenen Formen auch Erdbeeren und anderes Obst sowie Hühnerherz, Grit und reichlich Vitamine.

Junge Krähe
Die Jungkrähe

Nahezu eine Woche wollte er nachts immer noch in seiner Transportbox schlafen, die ihm offensichtlich Sicherheit vermittelte. Aus stahlblauen Augen schaute er mich morgens an und begrüsste mich mit den typischen Kontaktlauten. Überhaupt schien er sich uns schnell anzuschliessen. Er "redete" mit uns und wollte am Kopf gekrault werden.

Sperrende Krähe
Beim Sperren

Nach ca. einer Woche machte er in seiner Entwicklung plötzlich Riesensprünge. Er saß nun stabil auf einem Ast und nicht mehr im Heu, begann bald die oberen Äste in der Voliere anzupeilen und zeigte mir mit all seinen Regungen, dass er begann eine richtige Krähe zu werden. Rabenvögel sind sehr intelligente Tiere, die sehr schnell zahm werden können. Genau darin liegt aber auch das Problem. Ich wollte den Vogel nicht zu sehr an uns binden, da diese Fehlprägung ihm ein normales Leben in der Freiheit erschweren würde. Würde ich ihn behalten und zähmen, setzte ich ihn damit vielerlei Gefahren aus, die durch sein der Freiheit nicht angepasstes Verhalten entstünden. Außerdem würde er sich auch schwer tun, andere Artgenossen zu akzeptieren, da er lieber mit seinen Menschen zusammen sein wollte. Dies alles wollte ich der Krähe ersparen. Stattdessen sollte sie stolz und frei mit ihren Artgenossen die Welt erobern. So kam  der Tag des Abschieds und ich brachte die Krähe schweren Herzens in eine Auffangstation mit anderen jungen Rabenkrähen in gleichem Alter. Sie kam in einen Käfig zu vier anderen Krähen - Teenies, mit denen sie jetzt eine neue Gruppe bilden sollte. Kontakte zu Menschen gibt es hier, vom Füttern abgesehen, kaum. Nach ca. weiteren vier Wochen werden die voll flugfähigen Jungvögel dann in Einzelboxen verpackt und alle gleichzeitig morgens an einem stillen Ort, oftmals  an einem Waldrand, freigelassen. Ziel ist dabei, dass diese Jugendgruppe zunächst beieinander bleibt und sich somit auch Halt geben kann.

Das Frühjahr mit den vielen Jungvögeln zum Aufziehen ist immer wieder etwas Besonderes. Wir alle wünschen uns natürlich, die Pfleglinge, die uns auf Zeit anvertraut sind, möglichst fit zu machen für die Freiheit. Dies ist doch der Sinn dieser Arbeit auch wenn jeder Abschied dann auch wieder ein klein wenig schmerzt. Umso grösser ist aber auch die Freude, wenn aus kleinen hilflosen Federkugeln starke gesunde Jungvögel werden, die ein artgerechtes Leben führen können.

Dr. Angelika Musella