Helenas Rückblick 2017

Das Jahr neigt sich dem Ende zu – ein guter Moment, innezuhalten. In Gedanken bin ich bei den Tieren, denen ich in diesem Jahr begegnet bin. Viele von ihnen sind leider schon lange nicht mehr am Leben.

Das Schwein Andrea, Italien, Juli 2017
Das Schwein Andrea, Italien, Juli 2017

Wie die Ferkel, die im Februar von Deutschland in ein spanisches Schlachthaus transportiert wurden. Solch kleine, gerade einmal wenige Wochen alten Tierbabys werden regelmäßig auf dieser Route transportiert. Bereits im letzten Jahr hatten wir die tierschutzwidrigen Bedingungen, unter denen sie transportiert werden, bei den zuständigen Veterinärämtern angezeigt und ein persönliches Gespräch mit ihnen gesucht. Als wir im Februar wieder dort waren, hatten sich nun zumindest die Transportbedingungen für die Tiere verbessert. Ich bin auch bei Camille und den anderen Mutterschafen, die, nachdem sie in der Milchproduktion „ausgedient“ hatten, von Frankreich aus in ein italienisches Schlachthaus transportiert wurden. Auf ihrem Transport blieben sie hungrig und durstig – vergeblich leckten und bissen sie an den Stangen und Wänden des LKW.

Im März/April waren wir an der bulgarisch-türkischen Grenze. Dort herrschte mal wieder Chaos: acht LKW hätten die tschechischen Bullen vor der Einreise in die Türkei in einer Kontrollstelle für 24 Stunden abladen müssen, um ihnen die vorgeschriebene Versorgungspause zuzugestehen. Doch die einzig noch geöffnete bulgarische Kontrollstelle war voll belegt. Die Tiere hätten mehr als einen Tag an Bord warten müssen bis zur Entladung. Nach großem Hin und Her und dutzenden Telefonaten konnten wir erreichen, dass die Tiere schließlich entladen wurden.

Das Schaf Alba, Italien, Juli 2017
Das Schaf Alba, Italien, Juli 2017

Ich denke an die Hühner, Schweine und Lämmer, denen ich im Juli während unseres Transporteinsatzes in Süditalien begegnet bin. Sie kamen aus Spanien, Rumänien und Norditalien, und manche von ihnen wurden sogar bis Griechenland transportiert. Bei Temperaturen von bis zu 45° C litten sie enorm unter der Hitze, wie das Schwein Andrea, die schwerfällig mit offenem Mund hechelte. Trotz der Hitze blieb ihr und den anderen Schweinen der Weg ins Schlachthaus nicht erspart. Genau wie bei dem Schaf Alba. Ihre Nase war ganz verstopft, wahrscheinlich von dem beißenden Ammoniakgestank, der aus dem Inneren des verschmutzten LKW drang. Bei einem Transporter konnten wir eine Polizeikontrolle bei Ankunft im Schlachthaus erreichen, die anderen Versuche blieben vergebens, denn wegen personeller und finanzieller Engpässe standen keine freien Polizisten bzw. Dienstwagen zur Verfügung.

Octaviu und die anderen tschechischen Bullen trafen wir, als wir Ende Juli erneut an der bulgarisch-türkischen Grenze waren. Sie wurden in ein türkisches Schlachthaus transportiert. Wie so oft mussten die Fahrer auf die Ausfuhrpapiere warten, während die Tiere an Bord in Enge und Hitze ausharren mussten. Die Deckenhöhe war zu niedrig, sodass zusätzlich die Luftzirkulation behindert wurde.

Octaviu, Bulgarien, Juli 2017
Octaviu, Bulgarien, Juli 2017

Aber auch in Deutschland kontrollierten meine Kollegin Irene und ich Ende August Transporte von Pferden, die ohne nachvollziehbaren Grund den halben Tag an Bord der LKW am Havelberger Pferdemarkt warten mussten, bevor die Fahrt mit Endziel Schlachthaus überhaupt erst startete.

Wir legten in zahlreichen Berichten, Emails, Telefonaten und persönlichen Gesprächen Beschwerde gegen die vorgefundenen Verstöße auf den Transporten ein, und forderten immer wieder die Verantwortlichen auf, endlich die bestehenden Tierschutz-Gesetze einzuhalten.

Mit unserer Teilnahme an der 7. WAFL-Konferenz in Wageningen, Niederlande, in Form einer Poster-Präsentation zeigten wir nicht nur die Realität für die Tiere auf den Langstreckentransporten, sondern machten auch auf den ethischen Aspekt aufmerksam, der oftmals in der wissenschaftlichen Debatte vergessen wird – hinter dem System ‚Nutztier‘ stehen nämlich einzelne Tiere, mit eigener Würde und Rechten.

Neben unseren Transportkontrollen waren wir im Jahr 2017 v. a. auch wieder vermehrt bei den Tieren auf den Märkten – in Europa und darüber hinaus. Viele ‚Nutz’tiere werden aus der EU in Drittländer exportiert und dort ihrem Schicksal überlassen – meist ohne jeglichen gesetzlichen Schutz. Animals' Angels ist deshalb überzeugt davon, dass Tierschutz eben nicht an der EU-Außengrenze aufhören darf, sondern dass wir gerade auch in Zeiten der Globalisierung uns weltweit für die Rechte der Tiere einsetzen müssen. Das versuchen wir, so gut wir können, und mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.

Bulgarien – Im April und Juli waren wir auf verschiedenen Tiermärkten, teils Undercover, um ein möglichst ungeschöntes Bild des Marktalltages zu erhalten – und das ist erschreckend. Abgemagerte Schafe, ausgemergelte Kühe und Ziegen mit zusammengebundenen Beinen werden zum Verkauf angeboten. Manche werden anschließend in den Kofferräumen von PKW verstaut. Genauso wie die Ferkel, die davor kopfüber in Säcke gestopft werden. Die Pferde, die hier traditionellerweise noch als ‚Zug’tiere eingesetzt werden, sind völlig überarbeitet, viele sind stark unterernährt und am Rande ihrer Kräfte. Dass wir mitten in Europa sind und auch hier wenigstens die EU-Tierschutzgesetze umgesetzt werden müssten, vergisst man leicht. Wir schicken zwei umfassende Beschwerden an die zuständigen Veterinärbehörden und die EU-Kommission, und suchen vor Ort das Gespräch mit dem Direktor einer der verantwortlichen regionalen Veterinärbehörden in Plovdid.

Die Schimmelstute Sarina, Marokko, April 2017
Die Schimmelstute Sarina, Marokko, April 2017

Marokko – dort waren wir Ende April zu unserer „Animal Week“ mit einem großen Team aus Freiwilligen, AA-Mitarbeitern aus der Geschäftsstelle, unseren Einsatzkräften sowie unserem marokkanischen Team vor Ort. Auf vier verschiedenen Märkten rund um Rabat haben wir den Tieren Erleichterung verschafft, sie getränkt, gefüttert, ihre Wunden versorgt und sie von ihren Geschirren und Lasten befreit. Wir klärten die Menschen vor Ort auf und zeigten ihnen einen liebevollen, respektvollen Umgang mit den Tieren. Um nachhaltige Veränderungen für die Tiere zu erreichen, braucht es aber auch die Unterstützung der Behörden. Deshalb haben wir uns erneut mit der obersten Veterinärbehörde getroffen und über unsere vorgelegten Tierschutz-Richtlinien für Märkte diskutiert. Die übersetzte Fassung wird nun seit Sommer 2017 vom Ministerium geprüft.

Katar – Im Februar, Mai und Oktober waren wir in Katar, um dort unser Tierschutz-Projekt voranzubringen. Wir haben neben diversen Treffen im Umweltministerium auch Tierschutzunterricht an Schulen und der juristischen Fakultät der Universität Doha gegeben, um somit bereits bei den Kindern und jungen Menschen ein neues Bewusstsein für die ‚Nutz‘tiere zu schaffen. Und natürlich waren wir bei den vielen Tieren – auf den Märkten, in Haltungen und in den Schlachthöfen. In Gedanken bin ich dabei bei Taufiq, dem jungen Kamelbullen. Wir haben ihn eines Abends in einem Paddock auf dem größten Markt des Landes in Abu Hamour gefunden. Er war ganz alleine und konnte nicht mehr aufstehen, doch niemanden schien das weiter zu stören. Wir informierten das Veterinäramt, das für den nächsten Morgen eine Kontrolle zusagte. Da er noch nicht einmal Wasser zur Verfügung hatte, besorgten wir ihm bestimmt 30 Liter, die er gierig trank. Es ist gar nicht so einfach, auf einem Markt mit beinahe keiner Infrastruktur so viel Wasser aufzutreiben – doch dank eines Jungen, der auf dem Markt arbeitet, hat es schließlich geklappt. Er zeigte uns eine Wasserstelle neben einer Moschee, ca. 500 m entfernt und hat hilfsbereit mit angepackt, die vielen Liter Wasser zu Taufiq zu tragen. Als wir am nächsten Morgen wiederkamen, war Taufiq nicht mehr da. Ein Arbeiter erzählte uns, dass sie ihn bereits zum Schlachthof gebracht haben…

Der Kamelbulle Taufiq, Katar, Oktober 2017
Der Kamelbulle Taufiq, Katar, Oktober 2017

Ich denke auch an die Vögel und Hasen, die ebenfalls in Abu Hamour verkauft werden. Über die katastrophalen Zustände (meist kein Wasser, völlig verdreckte und überfüllte Käfige, vernachlässigte kranke und sterbende Tiere etc.) haben wir uns mehrmals beschwert, und im Mai 2017 hatten wir schließlich mit Genehmigung des Ministeriums entsprechende Tierschutzmerkblätter an die Verkäufer verteilt. Fünf Monate später waren wir wieder dort – und positiv überrascht: die allermeisten Vögel und Hasen hatten sauberes Wasser, die Käfige waren relativ sauber und bei weitem nicht mehr so voll. Auch standen die Tiere nicht mehr in der prallen Sonne. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt für die Tiere dort, ihre Situation wenigstens etwas erträglicher zu machen.

Im Oktober waren wir auch bei den deutschen Kühen, die diesen Sommer nach Katar geflogen wurden. Jetzt leben sie in der Wüste, in großen, klimatisierten Hallen, um für die Selbstversorgung des Landes mit Milch zu sorgen. Auch wenn auf den ersten Blick alles gut organisiert und die Tiere ordentlich versorgt erscheinen, so ist die Vorstellung, dass sie ihr Leben lang in diesen fensterlosen, unnatürlichen Hallen leben müssen, sehr frustrierend. Leider macht das System intensive ‚Nutz’tierhaltung auch nicht vor der Wüste halt.

Oman – Im September waren wir im Oman, um dort, genau wie in Katar, Kamele auf den Transporten zu begleiten und weiteres Material für unseren Kamelbericht zu sammeln, den wir nächstes Frühjahr veröffentlichen möchten. Bisher gibt es nämlich keinerlei Regelung zum Transport von Kamelen, die oftmals äußerst brutal mit Schlägen und Tritten verladen werden. Nicht selten müssen sie dann stundenlang mit zusammengebundenen Beinen ohne Schatten und Wasser auf den Transportern ausharren.

Und wir waren bei noch vielen anderen Tieren… genauso wie wir auch im kommenden Jahr natürlich wieder bei ihnen sein werden, um ihre Rechte bei den Behörden, Besitzern und sonstigen Verantwortlichen einzufordern und sie immer wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rücken – damit wir irgendwann in einer Welt leben, die auf Respekt und Achtung vor allem Leben beruht. Das ist und bleibt meine Motivation, auch für 2018. Deshalb habe ich auch zusätzlich im Oktober das Masterstudium „Animal Law and Society/ Tierrecht und Gesellschaft“ in Barcelona angefangen, um mich weiter für die Tiere und ihre Rechte zu professionalisieren.

Mein herzlicher Dank gilt der Musella-Stiftung, und insbesondere Angelika und Marianna Musella! Ihre Unterstützung trägt einen wichtigen Teil dazu bei, dass wir unsere Arbeit vor Ort bei den Tieren leisten können. Ich habe unseren persönlichen Austausch sehr geschätzt und freue mich auf ein weiteres Jahr mit Euch! Danke!

Helena (Animals' Angels)

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