Katzenkastrationen im Südschwarzwald

Hintergrund

Im Schwarzwald, wie in fast allen ländlichen Regionen Deutschlands, läßt sich nicht nur das Problem herrenloser und wilder Katzen feststellen, die in Wäldern, Waldrändern und im Umfeld von landwirtschaftlichen Betrieben ihr Dasein fristen, sondern auch die Lebens-umstände vieler Katzen, die scheinbar zu einem Hof gehören, sind häufig als problematisch zu bezeichnen.

Katzen vor Boxen
Zu Beginn des Projekts im Jahr 2017

Diese „Bauernhofkatzen“ sind auf nahezu jedem Hof zu beobachten, wo sie dazu genutzt werden, die Mäusepopulation auf dem Hofgelände selbst, aber auch auf den bewirtschafteten Flächen einzudämmen. Oft bleiben die Tiere sich selbst überlassen ohne Futter und Betreuung, was die Ausbreitung von Krankheitserregern fördert und zu einer Überpopulation führt, woraus Revierkämpfe wegen zu kleiner Jagdreviere entstehen. Das Resultat dieser Situation läßt sich vielfach an den Straßenrändern beobachten, wo hauptsächlich junge Kater Opfer des Straßenverkehrs werden, da sie – von ihrem Heimathof vertrieben – nun auf der Suche nach neuen Revieren sind, wofür sie große Strecken in unbekanntem Gebiet zurücklegen müssen. Erschwerend kommt die auf abgelegenen Gehöften immer noch anzutreffende Praxis hinzu, die Katzenpopulation durch archaische Methoden wie Erschlagen oder Ertränken zu „kontrollieren“, obwohl dies einen klaren Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellt und mit Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren geahndet werden könnte.

Bei der Tierärztin
Bei der Tierärztin

Konzeption

Eine juristische Konfrontation wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz ist unseres Erachtens wenig hilfreich, zumal auch wegen der meist schwierigen Beweislage. Mit diesem Projekt wollen wir einerseits konkreten Tierschutz leisten und andererseits durch Beratung und Gespräche an die Vernunft und moralischen Wertvorstellungen aller Tierhalter auch vor dem Hintergrund der christlichen Tierethik appellieren. Ziel ist eine bewusste Wertschätzung auch dieser Lebewesen. Die Stiftung bietet daher finanzielle Anreize, indem sie 90% der anfallenden Kosten für eine Kastration und im Fall einer darüber hinausgehenden notwendigen medizinischen Versorgung die Kosten oftmals vollständig übernimmt. Weiterhin wird der landwirtschaftliche Betrieb durch Hilfestellung beim Einfangen sowie Durchführung des Hin- und Rücktransport zum Tierarzt bzw. Hof hinsichtlich des Zeitaufwandes entlastet.

Umsetzung

Als Kerngebiet des Projektes war ursprünglich die Gemeinde St. Märgen definiert, wobei schon im Laufe des Jahres die Nachbargemeinden Breitnau, Buchenbach und Wagensteig in den Aktionsradius miteinbezogen wurden. Im Januar 2018 wurde der Tätigkeitsbereich wegen der stetig wachsenden Nachfrage seitens der Höfe deutlich erweitert. Dieser erstreckt sich mittlerweile über ein Gebiet, welches zusätzlich die Gemeinden Eisenbach, Friedenweiler, Furtwangen, Glottertal, Gütenbach, Hinterzarten, Kirchzarten, Oberried, Simonswald, St. Peter, Stegen und Titisee-Neustadt inklusive der zugehörigen Ortsteile umfasst. Zuletzt wurde im Sommer 2018 wegen direkter Anfragen der Einzugsbereich des Projektes noch um die Gemeinden des Elztals ergänzt.

Nachdem bereits im Frühjahr 2017 zwei an das von dem Projekt abgedeckte Gebiet angrenzende Tierarztpraxen als Kooperationspartner gewonnen werden konnten (mittlerweile kooperiert die Stiftung mit 7 Tierärzten/-innen), wurde unmittelbar danach begonnen, mit den Land- und Forstwirten Kontakt aufzunehmen.

Wieder daheim!
Wieder daheim!

Hierfür bedurfte es vornehmlich eines zeitintensiven Anfahrens jedes einzelnen Hofes, um den Hofbesitzern durch direkte und persönliche Kontaktaufnahme vor Ort die Vorzüge einer Katzenkastration aus Sicht sowohl der Tiere als auch der Menschen darzulegen. Zudem wurde über die Kostenübernahme seitens der Stiftung informiert, welche nur eine geringe Eigenbeteiligung seitens der Tierbesitzer vorsieht. Unterstützend wurden bei den Hofbesuchen entsprechende Handzettel an die Haushalte verteilt, auf welchen zum einen die Kontaktdaten der Ansprechpartner der Stiftung und der beteiligten Tierärzte, zum anderen alle wichtigen Informationen über das Projekt übersichtlich und nachvollziehbar zusammengestellt sind. Es war den Hofbesitzern somit möglich, entweder direkt bei dem Hofbesuch oder auch später nach einer gewissen Bedenkzeit durch telephonische Absprache ihre Bereitwilligkeit zur Teilnahme an dem Projekt zu kommunizieren.

auf dem Weg zur Tierärztin
2018 erhielt das Projekt neue Transportboxen für Katzen

In diesem Fall wurde unter Berücksichtigung der räumlichen Lage des Hofes ein Termin mit der nächstgelegenen, kooperierenden Tierarztpraxis vereinbart. Danach wurden zeitnah die für den Transport notwendigen Katzenboxen am Hof angeliefert und die Hofbesitzer falls notwendig entsprechend instruiert. Die Tiere wurden am vereinbarten Tag am Hof abgeholt. Nach Ankunft beim Tierarzt fand vor dem eigentlichen Eingriff eine Untersuchung der Katzen und Kater sowie, sofern erforderlich, eine medizinische Versorgung statt. Hierbei mußte hauptsächlich Milben- oder Flohbefall, vereinzelt aber auch durch Einsatz von Antibiotika Katzenschnupfen behandelt werden. Jungtiere wurden darüber hinaus mit dem RCP-Impfstoff gegen Katzenschnupfen und Katzenseuche geimpft. Nach erfolgreicher Operation und 24-stündiger Beobachtung in den Praxisräumen wurden die vierbeinigen Patienten am Folgetag schließlich wieder auf den Hof zurückgebracht und in die Freiheit entlassen. Im Fall der geimpften Jungtiere wurden diese nach vier Wochen erneut zum Nachimpfen in die Tierarztpraxis gebracht und danach zu ihrem Hof zurückgefahren.

Bisheriger Stand

Nach dem aktuellen Stand konnten in den Projektjahren 2017, 2018 und 2019 bereits 321 Katzen und Kater von insgesamt 78 Höfen kastriert und – sofern notwendig – darüber hinaus medizinisch versorgt werden. Im weiteren Jahresverlauf 2019 ist mit einem stetigen Anstieg der Zahl der zu versorgenden Tiere zu rechnen. Erfreulich ist zudem, dass sich mittlerweile viele Hofbesitzer eigenständig bei den beteiligten Tierärzten bzw. der Stiftung melden, um ihre Tiere kastrieren zu lassen.Sie haben über Bekannte, Tierarztpraxen oder Zeitungsartikel von dem Projekt erfahren und sind von der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Katzenkastrationen inzwischen überzeugt.

Dr. Johannes Christian Linnemann